Eine volle Zahnarztpraxis wirkt auf den ersten Blick wie eine wirtschaftlich erfolgreiche Praxis. Das Wartezimmer ist gut besucht, die Behandlungszimmer sind ausgelastet und im Kalender gibt es kaum freie Termine. Doch Auslastung allein beantwortet eine entscheidende Frage nicht: Was erwirtschaftet eine Behandlungsstunde tatsächlich?
Gerade in Zahnarztpraxen mit hohen Personal-, Material- und Investitionskosten kann dieser Unterschied erheblich sein. Deshalb wird die Betrachtung betriebswirtschaftlicher Kennzahlen für Praxisinhaber zunehmend wichtiger.
Zahnarztpraxen bewegen fast eine Million Euro pro Jahr
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erzielten Zahnarztpraxen in Deutschland im Jahr 2024 durchschnittliche Einnahmen von rund 937.00 Euro je Praxis. Die durchschnittlichen Aufwendungen lagen bei 632.00 Euro, der Reinertrag bei 305.00 Euro.
Der Reinertrag ist dabei nicht mit dem persönlichen Einkommen oder steuerlichen Gewinn des Praxisinhabers gleichzusetzen. Die Zahlen zeigen trotzdem, welche wirtschaftlichen Dimensionen eine moderne Zahnarztpraxis erreicht.
Die Praxisstunde verbindet Zeit und Wirtschaftlichkeit
Eine der interessantesten Kennzahlen ist deshalb der wirtschaftliche Wert einer Praxis- oder Behandlungsstunde. Vereinfacht betrachtet geht es um die Frage, welcher Umsatz beziehungsweise Deckungsbeitrag innerhalb der tatsächlich verfügbaren produktiven Zeit erzielt werden muss, damit sämtliche Kosten gedeckt und die wirtschaftlichen Ziele erreicht werden.
Dafür müssen unter anderem Personalkosten, Miete, Geräte und Abschreibungen, Finanzierungskosten, Material- und Laborkosten, Versicherungen, Software, Verwaltung, Fortbildung und geplante Investitionen berücksichtigt werden. Erst wenn diese Faktoren bekannt sind, bekommt eine Stunde im Terminkalender einen wirtschaftlichen Wert.
Warum ein voller Kalender trotzdem problematisch sein kann
Stellen wir uns zwei Praxen vor. Praxis A ist zu 95 Prozent ausgelastet. Praxis B erreicht nur 85 Prozent. Auf den ersten Blick wirkt Praxis A erfolgreicher. Wenn Praxis A jedoch überproportional viele zeitintensive Behandlungen mit geringem wirtschaftlichem Ergebnis durchführt, während Praxis B Behandlungskapazitäten gezielter plant, kann Praxis B trotz geringerer Auslastung wirtschaftlich besser arbeiten.
Genau deshalb reichen einfache Kennzahlen wie „Anzahl der Patienten“ oder „Umsatz im Monat“ häufig nicht aus. Sie zeigen Ergebnisse, erklären aber nicht unbedingt deren Ursache.
Kleine Zeitverluste summieren sich
Angenommen, eine Praxis verliert pro Arbeitstag insgesamt nur 30 Minuten durch vermeidbare Lücken, verspätete Abläufe oder unproduktive Übergangszeiten. Bei rund 220 Arbeitstagen ergeben sich daraus bereits 110 Stunden pro Jahr.
Wenn die Praxisstunde beispielsweise mit 300 Euro kalkuliert wird, entspricht dies rechnerisch einem möglichen Leistungsvolumen von 33.00 Euro. Bei 400 Euro pro Stunde wären es bereits 44.000 Euro. Diese Beispielrechnung ist kein automatisch entgangener Gewinn. Sie zeigt jedoch, welche Größenordnung scheinbar kleine organisatorische Unterschiede erreichen können.
Kennzahlen sollten Entscheidungen erleichtern
Praxiscontrolling wird manchmal mit komplizierten Tabellen und monatlichen Berichten verbunden, die anschließend niemand liest. Genau das sollte nicht das Ziel sein. Gute Kennzahlen reduzieren Komplexität.
Neben dem Wert der Praxisstunde können beispielsweise Umsatz je Behandlungsstunde, Personalkostenquote, Laborkostenquote, Auslastung, Umsatz je Behandler, Termin- und Ausfallquote sowie offene Forderungen interessant sein. Welche Kennzahlen wirklich relevant sind, hängt von Größe, Struktur und Behandlungsschwerpunkten einer Praxis ab.
Fokuspress behandelt Zahnmedizin bereits aus unterschiedlichen Perspektiven, etwa in einem ausführlichen Beitrag über eine Zahnklinik in Ungarn und die wirtschaftliche Bedeutung von Dentalbehandlungen.
Vergleichswerte sind hilfreich – individuelle Zahlen sind wichtiger
Branchendurchschnitte liefern Orientierung. Die durchschnittlichen 937.00 Euro Praxiseinnahmen aus der Destatis-Statistik sagen allerdings wenig darüber aus, ob eine konkrete Praxis wirtschaftlich gesund arbeitet. Eine kleine Einzelpraxis kann weit darunter liegen und hervorragend wirtschaften. Eine große Berufsausübungsgemeinschaft kann deutlich darüber liegen und trotzdem erhebliche Optimierungspotenziale haben.
Entscheidend sind deshalb nicht nur Benchmarks, sondern die Entwicklung der eigenen Zahlen. Hat sich der Stundenwert verbessert? Steigen Kosten schneller als Erlöse? Welche Leistungsbereiche entwickeln sich? Wo entstehen Leerzeiten?
Vom Bauchgefühl zur Unternehmenssteuerung
Viele Praxisinhaber kennen ihre medizinischen Kennzahlen sehr genau, treffen wirtschaftliche Entscheidungen aber noch immer teilweise nach Gefühl. Das ist verständlich: Zahnärzte sind in erster Linie medizinisch ausgebildet. Bei Investitionen, Personalentscheidungen oder Veränderungen des Leistungsspektrums kann eine belastbare Datengrundlage jedoch erhebliche Vorteile bieten.
Genau hier setzen spezialisierte Angebote wie Dental.More Insights an: Praxisdaten werden analysiert, Kennzahlen wie individueller Stundensatz und Auslastung betrachtet und daraus Maßnahmen für Praxismanagement und Strategie abgeleitet.
Wirtschaftlichkeit schafft Handlungsspielraum
Eine wirtschaftlich stabile Zahnarztpraxis kann investieren – in Mitarbeiter, moderne Geräte, Fortbildungen, Digitalisierung oder bessere Arbeitsbedingungen. Deshalb sind betriebswirtschaftliche Kennzahlen kein Gegensatz zu guter Medizin. Sie schaffen im Idealfall die Grundlage dafür.
Die Frage nach dem Wert einer Praxisstunde ist deshalb so wichtig: nicht weil jede Minute maximal monetarisiert werden sollte, sondern weil Praxisinhaber nur mit transparenten Zahlen beurteilen können, welche Leistungen, Strukturen und Entscheidungen ihre Praxis langfristig tragen.
